Die Lelantische Ebene prägt den Charakter des Weinguts Skoumpris. Von der Burg von Fylla (Kastro Likario) reicht der Blick über Vasiliko und Agios Nikolaos bis zum Golf von Euböa und dem Festland. – Foto: Aggelos Agapitos

Weingut Skoumpris

Ein Ort, der aus seiner Geschichte lebt und seine Zukunft selbst schreibt

Manchmal erzählen Weinberge mehr über Menschen als über Wein. In der Lelantischen Ebene südöstlich von Chalkida bewirtschaftet Spiros Skoumpris ein kleines Weingut, dessen Geschichte von Familie, Naturgewalten und dem Entschluss geprägt ist, trotz aller Rückschläge weiterzumachen.

Zwischen Lelantischer Ebene und dem Willen, weiterzumachen

Es gibt Orte auf Euböa, die sich nicht über ihre Größe oder Bekanntheit definieren, sondern über die Menschen, die an ihnen festhalten. Das Weingut Skoumpris in der Lelantischen Ebene südöstlich von Chalkida gehört zu diesen Orten.

Wer die Lelantische Ebene in Richtung Agios Nikolaos durchquert, bewegt sich durch eine weitläufige Kulturlandschaft. Locker verteilte Ortschaften wechseln sich mit Weinbergen, Olivenhainen und Feldern ab. Dazwischen zieht sich das breite, steinige Bett des Lilas durch die Ebene. Über lange Zeit des Jahres erinnert kaum etwas daran, dass hier ein Fluss verläuft. Nur das trockene Geröllbett zeichnet seinen Weg durch die Landschaft.

Doch diese Ruhe kann täuschen. Nach starken Regenfällen verändert sich der Lilas innerhalb kurzer Zeit. Aus einem unscheinbaren Trockenfluss wird eine Kraft, die das Wasser zurück in die Landschaft bringt und die umliegenden Felder bedrohen kann. Das Leben in der Ebene bewegt sich seit Generationen zwischen Trockenheit und Wasser, zwischen fruchtbarem Boden und der Unberechenbarkeit der Natur.

Ein Land, das weitergegeben wurde

Die Geschichte des Weinguts Skoumpris beginnt nicht mit einem Gründungsdatum, sondern mit einer Familie – und mit einem Stück Land, das über Generationen hinweg weitergegeben wurde.

Mitte des 20. Jahrhunderts bewirtschaften Spiros Flevaris und seine Frau Felder in der Lelantischen Ebene. Da sie selbst keine Kinder haben, wächst Antonis Skoumpris, der Vater des heutigen Winzers Spiros Skoumpris und Neffe von Spiros Flevaris, eng an ihrer Seite auf. Sie nehmen ihn wie einen Sohn in ihre Familie auf. Nach ihrem Tod geht das Land in seinen Besitz über.

Zunächst steht die Landwirtschaft jedoch nicht im Mittelpunkt. Antonis arbeitet in einer örtlichen Fabrik. Erst nachdem er seine Stelle verliert, kehrt er auf das geerbte Land zurück. Er beginnt Gemüse anzubauen und legt später die ersten Weinberge an. Der Wein entsteht damals ausschließlich als Fasswein – vor allem für den Eigenbedarf der Familie. Ein eigenes Weingut gibt es zu dieser Zeit noch nicht.

Was entsteht, ist keine Unternehmensgründung, sondern eine Grundlage. Das Land bleibt erhalten, die Weinberge wachsen, Erfahrungen werden weitergegeben. Aus dieser Verbindung zwischen Familie, Landschaft und täglicher Arbeit entwickelt sich viele Jahre später das Weingut Skoumpris.

Rückkehr nach Euböa

Spiros Skoumpris wächst zwischen Vasiliko und Agios Nikolaos auf. Landwirtschaft ist für ihn kein abstrakter Begriff, sondern Teil seines Alltags. Zwischen Feldern und Weinbergen erlebt er früh, wie eng das Leben der Menschen mit der Landschaft verbunden ist.

Mit achtzehn Jahren verlässt er Euböa, um in Nemea Weinbau und Önologie zu studieren. Nach dem Studium und dem anschließenden Militärdienst kehrt er auf die Insel zurück. Auf ihn wartet kein fertiges Weingut und kein eingeführter Familienbetrieb. Zwar gibt es das Land und die Weinberge seiner Familie, doch den Schritt hin zu einem eigenen Weingut muss er selbst gehen.

Um seinen Traum zu verwirklichen, arbeitet er gleichzeitig in mehreren Berufen. Mit diesem Einkommen finanziert er nach und nach gebrauchte Maschinen und die notwendige Ausrüstung. Jeder Schritt ist sorgfältig überlegt, jede Investition das Ergebnis harter Arbeit.

2018 füllt Spiros Skoumpris erstmals Wein unter eigenem Namen in Flaschen ab. Damit entsteht das Weingut Skoumpris – ein Betrieb der ersten Generation.

Der Alltag ist von Anfang an geprägt von langen Arbeitstagen. Tagsüber bestimmt die Arbeit im Weinberg den Rhythmus, danach folgen Organisation, Vermarktung und Planung. Eine klare Trennung zwischen Beruf und Privatleben gibt es kaum.

Der erste Erfolg lässt nicht lange auf sich warten: Der Flevaris Rosé des Jahrgangs 2018 erhält 2019 beim Thessaloniki International Wine & Spirits Competition eine Bronzemedaille. Für den jungen Winzer ist diese Auszeichnung weit mehr als eine Medaille. Sie bestätigt, dass sich der eingeschlagene Weg lohnt.

Die Weinlese markiert den Höhepunkt des Jahres. Spiros Skoumpris bei der Ernte seiner Trauben.

Als der Lilas zurückkehrte

Die ersten Erfolge geben Anlass zur Hoffnung. Doch schon bald folgen Herausforderungen, auf die niemand vorbereitet sein kann.

Zunächst trifft die Corona-Pandemie den jungen Betrieb. Restaurants, Bars und Geschäfte schließen oder können nur eingeschränkt öffnen. Der Wein ist abgefüllt, doch die Absatzmöglichkeiten brechen weitgehend weg. Für ein junges Weingut, das sich gerade erst seinen Platz sucht, ist dies ein schwerer Rückschlag.

Als sich die Situation langsam wieder verbessert, folgt die nächste Prüfung.

Im Sommer 2020, nur eine Woche vor der Weinlese, kehrt der Lilas nach heftigen Regenfällen zurück. Der Fluss, der über weite Teile des Jahres nur als steiniges Bett durch die Ebene verläuft, verwandelt sich innerhalb einer Nacht in eine zerstörerische Kraft.

Die Weinberge werden überflutet. Die reifen Trauben nehmen das Wasser auf, platzen auf und sind nicht mehr zu retten. Schlamm, Geröll und angeschwemmter Schmutz bedecken die Reben. Die Pflanzen müssen anschließend Stück für Stück von Hand gereinigt werden.

Die Folgen verschwinden nicht mit dem Wasser. Die Ernte ist verloren, die wirtschaftliche Belastung bleibt. In dieser Zeit denkt Spiros Skoumpris ernsthaft darüber nach, den eingeschlagenen Weg aufzugeben.

Doch am Ende entscheidet er sich anders. Er ist auf diesem Land geboren und aufgewachsen. Der Weinbau ist das, was er am besten beherrscht. Deshalb bleibt er – und macht weiter.

Die Weinberge des Weinguts Skoumpris liegen in der Lelantischen Ebene. Im Hintergrund öffnet sich der Golf von Euböa, dessen Nähe das Klima der Region mitprägt.

Ein Weingut ohne Kulisse

Wer heute das Weingut Skoumpris besucht, erlebt keinen inszenierten Erlebnisort. Es ist ein gewachsener Familienbetrieb, in dem Wein entsteht – und in dem der Arbeitsalltag den Rhythmus bestimmt.

Im Hof stehen Maschinen, im Keller wird gearbeitet, Werkzeuge liegen dort, wo sie gebraucht werden. Nichts wirkt dekoriert oder arrangiert. Alles erzählt von einem Ort, der nicht für Besucher geschaffen wurde, sondern aus dem Alltag eines arbeitenden Weinguts heraus gewachsen ist.

Zwischen den Reben steht noch immer die alte Remulka. Das kleine, motorisierte Landwirtschaftsfahrzeug gehörte einst zum Alltag der Familie. Es war ein echtes Multitalent: Für den Transport wurde es als Wagen genutzt, doch der hintere Teil ließ sich vollständig abnehmen. An seiner Stelle wurde ein Pflug montiert, um den Boden direkt zwischen den Rebstöcken zu bearbeiten.

Heute bewahrt Spiros Skoumpris die Remulka als Erinnerungsstück auf. Sie erinnert an eine Zeit, in der Landwirtschaft mit einfacheren Mitteln und deutlich mehr körperlicher Arbeit verbunden war – und bewahrt zugleich ein Stück der Geschichte des Weinguts und der Menschen, die es über Generationen geprägt haben.

Zum Alltag auf dem Weingut gehören auch die vielen Arbeitsschritte zwischen Weinberg und Keller. Spiros Skoumpris beim Verladen der Trauben.

Heute ist die Remulka ein Erinnerungsstück. Jahrzehntelang gehörte das kleine Landwirtschaftsfahrzeug zum Alltag der Familie und erzählt noch immer von einer Zeit, in der der Weinbau deutlich mehr körperliche Arbeit verlangte. – Foto: Aggelos Agapitos

Zwischen Tradition und Entdeckung

Der Weinbau bei Skoumpris verbindet Herkunft mit Neugier. Spiros Skoumpris sucht nicht nur nach dem, was bereits bekannt ist, sondern auch nach dem, was auf Euböa verloren zu gehen droht.

Während seiner Ausbildung in Nemea wuchs er zwischen klassischen internationalen Rebsorten wie Merlot und Syrah auf. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, wie wichtig die traditionellen Rebsorten seiner Heimatinsel sind.

Eine besondere Rolle spielt dabei Moschofilero. Die Rebsorte ist vor allem mit der Region Mantinia auf dem Peloponnes verbunden und bekannt für ihre aromatische und frische Stilistik. Spiros glaubte jedoch daran, dass diese Sorte auch unter den Bedingungen Euböas ihr Potenzial entfalten kann. Er pflanzte als erster Winzer auf der Insel Moschofilero und füllte daraus einen eigenen Wein ab. Heute bauen auch andere Winzer Euböas diese Rebsorte an – eine Entwicklung, die Spiros als besondere Anerkennung empfindet.

Gleichzeitig widmet sich das Weingut alten Rebsorten Euböas, die beinahe verschwunden waren. Vradiano und Ritino gehören zu den besonderen Schätzen der Insel.

Vradiano ist eine traditionelle griechische Rotweinrebe, die lange Zeit auf Euböa kultiviert wurde. Die Sorte war nahezu verschwunden, doch Spiros wollte dazu beitragen, sie zu erhalten und wieder sichtbarer zu machen. Für ihn steht Vradiano nicht nur für Wein, sondern für die Verbindung zu den Wurzeln und der Geschichte der Insel.

Noch außergewöhnlicher ist die Geschichte von Ritino. Auf der Suche nach dieser fast vergessenen euböischen Sorte arbeitete Spiros mit einem Agrarwissenschaftler zusammen. Schließlich fanden sie im Garten eines älteren Mannes in Nord-Euböa einen einzigen verbliebenen Ritino-Rebstock. Aus diesem Fund wurden Ableger gewonnen und neue Pflanzen gezogen. Heute ist Spiros der einzige Winzer auf Euböa, der aus dieser Sorte Wein erzeugt – auch wenn die jungen Reben bisher nur geringe Erträge liefern.

So wird der Weinbau bei Skoumpris zu einer Verbindung aus Experiment, Erinnerung und dem Versuch, ein Stück euböische Weintradition für die Zukunft zu bewahren.

Die Weinlese verbindet Erfahrung, Geduld und viele helfende Hände. Zwischen den Reben beginnt jeder Jahrgang.

Das Piestirio, die traditionelle Kelter des Weinguts, verbindet die Arbeit im Weinberg mit dem nächsten Schritt der Weinbereitung. Hier beginnt nach der Lese die Verwandlung der Trauben zu Wein.

Weine mit einer Geschichte

Auch die Namen der Weine erzählen von ihrer Herkunft und den Menschen, die hinter ihnen stehen.

Der trockene Weißwein „Remulka“ trägt den Namen des alten landwirtschaftlichen Fahrzeugs der Familie. Die Remulka steht heute zwischen den Reben als Erinnerung an die frühere Arbeit im Weinberg – und verbindet damit Vergangenheit und Gegenwart. Gleichzeitig steht sie sinnbildlich für den Weg des Weinguts: von den einfachen Anfängen der Landwirtschaft hin zum eigenen Wein.

„Licario“ verweist auf eine historische Figur Euböas, während die „Flevaris“-Linie an Spiros Flevaris erinnert und die Verbindung zu den Anfängen der Familiengeschichte herstellt.

Die Malagouzia zeigt das Potenzial einer der bekanntesten griechischen Weißweinrebsorten auf Euböa. Die Sorte ist für ihre aromatische Ausdruckskraft und ihre frische, lebendige Art bekannt. Aus derselben Rebsorte entsteht auch der süße Dessertwein „Late“.

Daneben steht der reinsortige Vradiano – ein Wein, der für die Wiederentdeckung einer alten euböischen Rebsorte steht und zeigt, welches Potenzial in der Weintradition der Insel liegt.

Jeder Wein trägt auch die Geschichte seines Ortes. Spiros Skoumpris zwischen den Reben mit einem Glas aus eigener Produktion.

Ein Ort, der jeden Tag neu beginnt

Heute bewirtschaftet das Weingut Skoumpris rund 4 Hektar Weinberge in der Lelantischen Ebene und weiteren Lagen Zentral-Euböas. Internationale Auszeichnungen und erste Schritte auf neuen Märkten zeigen, dass der eingeschlagene Weg zunehmend Anerkennung findet. Doch sie verändern nicht den Kern des Betriebs.

Die Arbeit beginnt noch immer draußen zwischen den Reben. Dort, wo die Geschichte dieses Ortes entstanden ist.

Auch Besucher erleben keinen inszenierten Schauplatz, sondern einen gewachsenen Betrieb, der sich mit jeder Jahreszeit weiterentwickelt. Zwischen Tradition und Zukunft, zwischen Handarbeit und moderner Technik, bleibt das Weingut eng mit der Landschaft verbunden, aus der es entstanden ist.

Vielleicht beschreibt die alte Remulka diesen Ort besser als jede Auszeichnung: Sie erinnert daran, wo alles begann – und daran, dass Geschichte nicht nur bewahrt, sondern weitergeschrieben werden kann.

Das Weingut Skoumpris ist kein Ort, der seine Vergangenheit hinter sich gelassen hat. Es ist ein Ort, der aus ihr lebt und jeden Tag seine nächste Seite schreibt.

Wenn die Sonne hinter den Bergen des Festlands versinkt, taucht das letzte Licht die Weinberge der Lelantischen Ebene in warme Farben. Ein stiller Moment, der den Tag auf Euböa ausklingen lässt.

Der Ort hinter der Geschichte

Weingut Skoumpris
Lilantische Ebene, Zentral-Euböa

Informationen zu Weinen, Besuchen und aktuellen Angeboten: