Agia Anna & Agali – Zwischen Bergdorf und Brandung
Agia Anna – Ein Dorf mit Charakter
Agia Anna liegt auf etwa 280 Metern Höhe und wirkt wie ein Dorf, das seine Identität bewahrt hat. Es ist groß genug, um lebendig zu sein, und klein genug, dass man sich schnell zurechtfindet. Morgens sieht man die Ladenbesitzer ihre Stühle vor die Tür stellen, Kinder laufen über den Platz, und man spürt, dass das Leben hier seit Jahrzehnten im gleichen ruhigen Rhythmus verläuft.
Ein Ort, der mich besonders berührt hat, ist das Museum für Lokalgeschichte. In mehreren Räumen wird das frühere Leben der Bewohner detailreich nachgezeichnet. Zu sehen sind Alltagsgegenstände, Trachten, landwirtschaftliche Werkzeuge und vollständige Inneneinrichtungen aus vergangenen Zeiten. Ich liebe solche Museen, weil sie einem zeigen, wie die Menschen einst lebten: bescheiden, hart arbeitend – und dennoch vermutlich mit einer Einfachheit, die ihrem Alltag eine gewisse Schönheit verlieh.
Die Nileas-Schlucht – Ein Weg in die Stille
Westlich von Agia Anna liegt die Nileas-Schlucht, auch bekannt als Faraggi Bolovinainas. Ein kleines Schild an der Straße nach Kerasmia weist auf den Abzweig hin. Von diesem Punkt an lässt man das Auto am besten stehen – die restlichen zwei Kilometer führen als Schotterpiste zu Fuß hinunter in die Schlucht.
Der Wasserstand im Nileas verändert sich im Laufe des Jahres stark. Mal fließt nur ein flacher Wasserlauf durch die Steine, mal sammeln sich tiefere Becken. Wer die Schlucht durchqueren möchte, muss jedoch mehrmals direkt durch das Flussbett hindurchgehen. Je nach Abschnitt reicht das Wasser nur bis zu den Knöcheln, manchmal aber auch bis an die Knie. Das Vorankommen zwischen den Felsen, das Echo der hohen Wände und das beständige Plätschern verleihen dem Weg eine einzigartige Atmosphäre.
Trotz der schweren Schäden durch den Waldbrand von 2021 beginnt sich die Natur allmählich zurückzuerobern, und gerade diese Mischung aus Verletzlichkeit und Regeneration macht den Ort heute besonders eindrucksvoll.
Von Agia Anna nach Agali – Eine Fahrt durch Oliven und Licht
Zwischen Agia Anna und der Küste liegen 6,5 Kilometer, die landschaftlich zu den schönsten kurzen Strecken der Region gehören. Die Straße führt durch weite Olivenhaine, deren Blätter im Sonnenlicht silbern schimmern. Fast durchgängig bleibt die Küste in Sichtweite, bis die Landschaft sich öffnet und die weite Bucht von Agali vor einem liegt.
Agali – Die große Bucht und ihr stetiges Rauschen
Agali liegt am Nordende einer weit geschwungenen Bucht, die sich bis zum markanten Felsbogen Kap Spilia im Süden zieht. Dazwischen erstreckt sich ein mehr als vier Kilometer langer, breiter Sandstrand, durchsetzt mit kleinen dunklen Kieseln. Oft herrscht kräftiger Wellengang, der den Ort mit einem konstanten, kraftvollen Rauschen erfüllt.
Der nördliche Teil Agalis wirkt lebendiger: Hinter dem Strand verläuft eine schön angelegte Promenade, getrennt vom Sand durch eine Reihe schattenspendender Bäume. Unter ihrem Blätterdach haben Tavernen und Cafés ihre Tische aufgestellt – ein idealer Ort, um am Abend bei Meeresrauschen zu essen oder einfach nur den Blick über die Bucht schweifen zu lassen.
Agali selbst zeigt zwei unterschiedliche Gesichter. Rund um die Promenade konzentriert sich das entspannte Küstenleben mit Unterkünften aller Art: ein großes Resort, ein Campingplatz, kleinere Hotels und viele private Apartments, die vor allem im Sommer bewohnt sind. Richtung Süden jedoch wird es ruhiger. Die Bebauung lichtet sich, nur wenige Häuser verteilen sich über die weite Ebene, und die Bucht wirkt dort offener und ursprünglicher.
Fragaki und die stillen Nachbarbuchten
Über eine kleine Anhöhe erreicht man von Agali nach wenigen Minuten die Siedlung Fragaki, etwa drei Kilometer nördlich. Fragaki ist wie gemacht für Gäste, die Abgeschiedenheit suchen: einige Privatunterkünfte, ein paar Tavernen, viel Ruhe. Der Strand besteht aus Sand und feinem Kies und ist meist weniger besucht als Agali.
Zwischen beiden Orten liegen mehrere Buchten, die zu den schönsten Abschnitten der Küste gehören:
- Melissi, abgeschieden und klar;
- Sarakiniko, felsiger und etwas wilder;
- und Saint Basil Beach, ein schmales Strandband, das zu einer kleinen Halbinsel mit Kapelle führt – ein traumhaftes Fotomotiv, besonders im Morgenlicht.
Fazit – Zwei Orte, die sich ideal ergänzen
Agia Anna, mit seinem authentischen Dorfleben und dem eindrucksvollen Museum, und Agali, mit seiner offenen Bucht, der langen Promenade und den stillen Nachbarbuchten, bilden für mich ein harmonisches Duo.
Hier findet man Natur, Geschichte, Meer und Menschlichkeit in einer Mischung, die typisch für Evia ist – und dennoch jedes Mal neu begeistert.
Und genau deshalb komme ich bei immer wieder zurück, wenn ich auf Evia unterwegs bin.
