Evia – Die unterschätzte Insel voller Kontraste

Ankommen zwischen Festland und Inselgefühl

Euböa – oder Evia, wie die Griechen sagen – ist eine Insel, die sich dem Besucher nicht sofort aufdrängt. Sie liegt so nah am Festland, dass man fast vergisst, überhaupt eine Insel zu betreten. An ihrer schmalsten Stelle trennt sie nur ein etwa 35 Meter breiter Meeresarm vom Festland. Die bewegliche Brücke von Chalkida führt direkt in die Stadt, die zweite Straßenbrücke verläuft südlich vorbei.

Chalkida ist lebhaft, modern und mit über 100.000 Einwohnern überraschend groß. Zwischen Einkaufsstraßen, Cafés und historischen Gebäuden wie der Burg Karababa, dem Aquädukt Kamares, der Emir-Zade-Moschee und der Mitropolis-Kirche spürt man sofort den urbanen Puls der Insel.

Über die gesamte Länge der Insel verteilt sorgen mehrere Fährhäfen – darunter Agiokambos, Gregolimano, Loutra Edipsou, Eretria, Panagia, Marmari und Karystos – für unkomplizierte Anbindungen ans Festland. Von Kymi gehen Fähren nach Skyros, und ab Mantoudi erreicht man die Nördlichen Sporaden.

Eine Insel der großen Distanzen

Evia ist riesig. Von Edipsos im Norden bis Karystos im Süden dauert die Fahrt gut 4,5 Stunden. Will man die Insel vollständig erleben, empfiehlt es sich, den Standort strategisch zu wählen oder während des Aufenthalts zu wechseln – ein einzelner Urlaub reicht kaum aus.

Der Brand von 2021 – Die Wunde im Norden

Die katastrophalen Waldbrände des Jahres 2021 haben den Norden der Insel dauerhaft geprägt. Zwischen Agriovotano und Agia Anna an der Ostküste bis hinüber nach Rovies und zu den Ausläufern des Kandili-Gebirges brannten rund 500 Quadratkilometer Wald – davon etwa drei Viertel Pinien.

Diese waldreiche Mittelgebirgslandschaft war einst eine tragende Säule des Naturtourismus. Als ich das Gebiet nach dem Brand besuchte, wirkte die Stille fast surreal. Doch zwischen den dunklen Stämmen kämpft sich inzwischen neues Leben durch: erste Büsche, feine Gräser, junges Grün. Es wird Jahrzehnte brauchen – aber der Neuanfang hat begonnen.

Loutra Edipsou – Baden zwischen Feuer und Meer

Ein besonderer Ort im Norden ist Loutra Edipsou, einer der berühmtesten Thermalbadeorte Griechenlands. Hier schießen heiße Quellen aus den Felsen und fließen direkt ins Meer – ein Erlebnis, das ich so nur hier gefunden habe.

Man sitzt im warmen Wasser, während sich nur wenige Schritte entfernt die kühle Ägäis ausbreitet.
Das Spektakulärste aber sind Sonnenaufgang und Sonnenuntergang: Wenn das Licht die aufsteigenden Dampfschwaden färbt und das Meer golden schimmert, fühlt sich das Baden an wie ein Naturwunder zwischen Feuer und Wasser.

Zwischen Golf und Ägäis – Zwei Küsten, zwei Welten

Die Insel wirkt wie zwei Welten auf einem einzigen Streifen Land.
Im Westen, am Golf von Evia, ist alles sanfter: geschützte Buchten, ruhige Wasserflächen, kleine Städte.

Im Osten bricht sich die Ägäis heftig an den Felswänden. Besonders die Straßen bei Metochi und Vlachia sind eindrucksvolle Küstenrouten voller Serpentinen und Wildheit.

Weiter südlich verändert sich das Bild erneut: Zwischen Karystos und dem Kavo d’Oro drehen sich unzählige Windräder wie gigantische weiße Spinnen über den Bergrücken – eine energiegeladene Kulisse im starken Ägäiswind.

Eine Insel für Outdoorfans

Evia ist ein Paradies für alle, die gern draußen unterwegs sind. Der Dirfys, mit 1743 m höchster Berg der Insel, bietet anspruchsvolle, aber lohnende Routen durch Hochlagen und Wälder.

Im Süden dominiert der Ochi. Der Aufstieg auf seinen Gipfel und die Wanderung durch die Dimossaris-Schlucht gehören zu den intensivsten Naturerlebnissen auf Evia: Wasserfälle, schattige Wälder, enge Pfade und ein Gefühl unberührter Landschaft.

Die einzigartigen Drachenhäuser

Die Drachenhäuser (Drakospita) sind eine der größten archäologischen Besonderheiten der Insel – und nur auf Evia zu finden. Diese uralten, megalithischen Gebäude aus riesigen Steinplatten wurden ohne Mörtel errichtet und geben Forschern bis heute Rätsel auf. Rund um den Ochi liegen einige der eindrucksvollsten Exemplare, die eine mystische Atmosphäre ausstrahlen.

Touristische Zentren und stille Orte

Eretria ist der wichtigste Urlaubsort der Insel. Strände, Tavernen und eine bedeutende archäologische Ausgrabungsstätte machen den Ort zu einem beliebten Ausgangspunkt.

Gleichzeitig existieren abgelegene Dörfer, versteckte Buchten und stille Berglandschaften, in denen man sich beinahe wie allein auf der Insel fühlt. Diese Kombination macht Evia einzigartig – vielseitig, weitläufig und voller Überraschungen.

Mein Fazit

Evia ist für mich eine Insel der Gegensätze und Geschichten – geprägt von Natur, Wandel und einer tiefen, manchmal stillen Schönheit. Wer sie erkundet, entdeckt nicht nur Landschaften, sondern ganze Welten. Und vor allem: Man möchte wiederkommen.