Die Neue Euriposbrücke – der Übergang vom griechischen Festland nach Euböa. Dahinter zeichnen sich die Berge rund um Chalkida ab.

Euböa – Eine Insel, die bleibt

Auf dem Weg nach Euböa

Unsere erste Reise nach Griechenland führte uns 1999 nach Rhodos. Von da an kamen wir regelmäßig zurück. Wir bereisten Samos und Lesbos, waren mehrfach auf Kreta und erkundeten den Peloponnes. Mit jeder Reise wuchs unsere Vertrautheit mit dem Land – und zugleich der Wunsch, noch tiefer in Griechenland einzutauchen.

Ich beschäftigte mich schon damals intensiv mit dem Land und las alles, was mir darüber in die Hände fiel. Der entscheidende Anstoß für unsere nächste Reise kam schließlich von einem Individualreiseführer. Auf wenigen Seiten stellte er Euböa vor und beschrieb einige der wichtigsten Orte der Insel.

Mehr brauchte es offenbar nicht, um meine Neugier zu wecken.

Euböa war uns bis dahin kaum begegnet. Während Rhodos, Kreta oder die Kykladen in Reiseführern und Katalogen selbstverständlich ihren Platz hatten, spielte die zweitgrößte Insel Griechenlands im Bewusstsein internationaler Reisender kaum eine Rolle. Und eigentlich ist das bis heute so. Fragt man nach griechischen Inseln, fallen fast automatisch Namen wie Kreta, Rhodos, Korfu oder Santorini. Euböa kennen dagegen erstaunlich wenige.

Dabei ist ihre Lage durchaus ungewöhnlich. Sie liegt so dicht am Festland, dass man sie auf einer Landkarte nicht unbedingt als Insel wahrnimmt. Bei Chalkida trennt sie nur der schmale Euripos vom Festland; zwei Brücken verbinden sie dort mit dem griechischen Festland.

Genau das machte Euböa für uns interessant.

Wir hatten inzwischen viele der bekannten griechischen Reiseziele kennengelernt und wollten einen anderen Zugang zum Land finden: jenseits der großen Ferienzentren und der Orte, die heute als Instagram-Hotspots gelten. Uns interessierten Regionen, in denen der internationale Tourismus weniger Spuren hinterlassen hatte und der Alltag nicht in erster Linie auf die Erwartungen von Besuchern ausgerichtet war.

Euböa schien all das zu verbinden. Eine große Insel, leicht erreichbar und dennoch kaum im internationalen touristischen Bewusstsein verankert.

Die Entscheidung war gefallen: 2009 sollte es nach Euböa gehen.

Wir flogen nach Athen.

Vom Flughafen führte unsere Fahrt zunächst an der griechischen Hauptstadt vorbei. Am Autobahnkreuz ging es weiter in Richtung Lamia. Die Straße führte durch die nördlichen Vororte Athens, unter anderem durch Kifisia. Links erhob sich der waldreiche Parnes.

Mit jedem Kilometer blieb die Metropole weiter hinter uns. Die Bebauung wurde dünner, die Landschaft offener. Dann erreichten wir bei Schimatari eine ausgedehnte Industriezone.

Hier zweigte die Autobahn in Richtung Chalkida und damit nach Euböa ab.

Wir folgten der Straße durch hügeliges Land. Die Insel selbst war noch nicht zu sehen. Dann erschien zwischen den Erhebungen ein schmaler Streifen Wasser.

Der Euripos.

Vor uns lag die Meerenge bei Chalkida, die Euböa vom Festland trennt. Dahinter begann die Insel, die wir uns für die nächsten Wochen ausgesucht hatten.

Doch auch dieser erste Blick entsprach nicht dem klassischen Bild einer griechischen Insel. Neben dem Wasser prägten Industrieanlagen die Landschaft: ein großes Betonwerk und eine Schiffswerft. Euböa zeigte sich uns nicht als Postkartenmotiv, sondern als Teil einer Landschaft, in der gearbeitet und gelebt wurde.

Vielleicht passte gerade das zu dem, was wir gesucht hatten.

Die Straße führte weiter auf die Brücke zu.

Kurz davor wurden aus zwei Fahrspuren eine einzige.

Vor uns lag der Übergang nach Euböa.

Der Übergang

Die Neue Euriposbrücke kommt erst spät in Sicht. Dann geht alles schnell.

Die Schrägseilbrücke mit ihren beiden mächtigen Betonpfeilern ist die wichtigste Verbindung zwischen dem Festland und Euböa. Entsprechend viel Verkehr rollt über sie hinweg, darunter zahlreiche Lastwagen. Sie wirkt weniger wie das Tor zu einer Ferieninsel als wie das, was sie tatsächlich ist: eine wichtige Verkehrsverbindung.

Trotzdem schaut man als Fahrer unwillkürlich nach links und rechts. Unter uns liegt der Golf von Euböa. An dieser Stelle ist er weniger als 200 Meter breit und wirkt beinahe wie ein See, weil das Wasser ringsum von Land umgeben ist. Gegenüber liegt Chalkida, dahinter steigen die Hügel an – teils karg, teils bewaldet. Weiter südlich liegt eine kleine Insel im Golf.

Viel Zeit bleibt nicht. Die Überfahrt dauert kaum zehn Sekunden.

Und doch ist dieser kurze Moment für uns mehr als nur das Überqueren einer Brücke.

Jetzt sind wir auf Euböa.

Auf einer Insel, die damals außerhalb Griechenlands kaum jemand zu kennen schien und die wir in den kommenden drei Wochen erkunden wollten.

Am anderen Ende der Brücke kündigt eine kurze Bodenwelle und das typische Geräusch der Räder auf der Dehnfuge das Ende der Überfahrt an.

Die Brücke ist hinter uns.

Die Reise auf Euböa beginnt.

Neue Euriposbruecke

Vom Festland nach Euböa: Die Neue Euriposbrücke spannt sich über den Euripos, dahinter steigen die Berge der Insel auf.

Die ersten Kilometer

Links tauchen die ersten Häuser eines Vororts von Chalkida auf, rechts begleitet uns noch ein kurzes Stück der Golf von Euböa. Auf einer Verkehrsinsel weht die griechische Flagge. Dann öffnet sich vor uns ein großer Kreisverkehr, der den Verkehr in die verschiedenen Richtungen der Insel verteilt.

Nach Süden, nach Norden, ins Zentrum von Chalkida – und zurück zur Brücke.

Wir nehmen die erste Ausfahrt. Rund 15 Kilometer liegen vor uns.

Schon dieser erste Abschnitt vermittelt einen Eindruck davon, wie vielfältig Euböa ist. Auf der einen Seite liegt der Golf, dahinter erheben sich die Berge des Festlands. Auf der anderen Seite begleiten uns Industrieanlagen und ein Steinbruch.

Wenig später verändert sich die Landschaft. Wir fahren in die Lelantische Ebene, eine seit Jahrhunderten landwirtschaftlich geprägte Landschaft. Zwischen den locker verteilten Siedlungen liegen Felder, Obstplantagen, Olivenhaine und Weinberge. Zitrusfrüchte, Gemüse und andere landwirtschaftliche Produkte werden hier angebaut.

Die Straße führt mitten durch diese Landschaft. Felder wechseln mit Häusern, dazwischen stehen Olivenbäume und Obstbäume.

Meer, Berge, Industrie und Landwirtschaft – alles liegt hier dicht beieinander.

Und genau diese Mischung sollte unseren Eindruck von Euböa in den kommenden Wochen immer wieder prägen.

Auf unserer ersten Fahrt über Euböa begegnete uns auch das ganz normale Insel-Leben: Kreisverkehre, Verkehr und Alltag – der Moment, in dem aus einer Karte ein echter Ort wird.

Vasiliko

Die Straße führt weiter durch die Lelantische Ebene, bis wir kurz vor Vasiliko den Lilas überqueren. Der Fluss durchzieht diese fruchtbare Landschaft, doch von seinem Wasser ist zu dieser Jahreszeit kaum etwas zu sehen. Erst später erfahren wir, dass sein Bett einen Großteil des Jahres nahezu trocken liegt und sich erst nach starken Regenfällen in einen reißenden Strom verwandeln kann.

Wenig später führt die Straße direkt hinein nach Vasiliko.

Schon nach wenigen Metern wird deutlich, dass wir hier keinen Ferienort durchqueren. Entlang der Hauptstraße reiht sich Geschäft an Geschäft: Werkstätten und Handwerkerläden, Bäckereien, Cafés, kleine Fast-Food-Läden, Supermärkte, Tankstellen und Läden für den landwirtschaftlichen Bedarf. Nichts wirkt auf Urlauber zugeschnitten – alles ist auf den täglichen Bedarf der Menschen ausgerichtet, die hier leben.

Am Vormittag ist Vasiliko besonders geschäftig. Autos fahren durch die Ortsdurchfahrt, Busse halten, Menschen gehen ihren Einkäufen nach. Immer wieder gerät der Verkehr ins Stocken, wenn jemand in zweiter Reihe parkt, um schnell etwas zu erledigen. Dann wird aus der breiten Ortsdurchfahrt für einen Moment ein Nadelöhr.

Dann setzt sich der Verkehr wieder in Bewegung.

Vasiliko ist kein spektakulärer Ort. Aber gerade deshalb bleibt dieser erste Eindruck haften: Hier findet kein Urlaub statt. Hier findet Alltag statt.

Am Ortsende wird die Bebauung wieder lockerer. Hinter Oleander und Palmen liegen, teilweise von der Straße kaum wahrgenommen, größere Industriebetriebe. Wenige Kilometer später beginnt bereits Malakonta.

Unser Ziel für die nächsten drei Wochen.

Dass wir dort nicht auf Anhieb ankommen würden, ahnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Auf dem Weg durch Vasiliko: Der erste Kontakt mit Euböa findet nicht am Ziel statt, sondern unterwegs – zwischen Straßen, Landschaft und dem Alltag der Insel.

Die Suche nach dem Ferienhaus

Für die Suche nach unserer Ferienwohnung hatten wir nicht viel mehr als eine handgezeichnete Skizze, die uns der Vermieter vor der Reise als E-Mail-Anhang geschickt hatte. Navigations-Apps gab es damals noch nicht.

Auf Höhe einer Bäckerei sollten wir von der Hauptstraße nach rechts in Richtung Meer abbiegen.

Als wir die Bäckerei entdeckten, war die Abzweigung bereits hinter uns.

Also wenden.

Beim zweiten Versuch passierte dasselbe. Die Zufahrt war schmal und aus dem fahrenden Auto kaum auszumachen. Erst beim dritten Anlauf, diesmal mit deutlich geringerem Tempo, sahen wir sie rechtzeitig.

Vor uns lag eine einspurige, rotbraune Erdpiste, die zwischen den Häusern zur Küste hinunterführte. Die heftigen Regenfälle der vergangenen Tage hatten deutliche Spuren hinterlassen: ausgewaschene Stellen, Schlamm und Geröll.

Wir stellten das Auto ab und gingen zu Fuß weiter.

Die Skizze erwies sich dabei als erstaunlich hilfreich. Schritt für Schritt passten die eingezeichneten Wege zu dem, was wir vor uns sahen. Dann entdeckten wir in einem Garten Hunde.

Unser Vermieter hatte sie in seiner Beschreibung erwähnt.

Damit war klar: Wir waren richtig.

Unsere Vermieter waren Deutsche, die sich auf Euböa niedergelassen hatten. Die Ferienwohnung lag teilweise im Untergeschoss und war mit rund 90 Quadratmetern ungewöhnlich großzügig. Trotz ihrer Lage unterhalb des eigentlichen Erdgeschosses empfanden wir sie als angenehm und keineswegs beengt.

Wir hatten unser Ziel gefunden.

Und nun konnten die drei Wochen auf Euböa beginnen.

Ein ruhiger Garten in Malakonta. Wir wussten, dass hier Hunde leben – nicht aber, wie selbstverständlich sie uns willkommen heißen würden.

Der erste Abend

Unser Gastgeber und seine Hunde begrüßten uns, zeigten uns die Wohnung und erklärten uns die wichtigsten Dinge – auch, wie wir das Warmwasser in Gang bekamen.

Die Koffer blieben unausgepackt. Wir wollten nicht lange bleiben, sondern noch am selben Abend nach Eretria fahren.

Der Ort lag nur wenige Kilometer entfernt und gehörte zu den wichtigsten Ferienzielen Euböas. Es gab größere Resorts, die bereits damals als Pauschalreisen angeboten wurden. Der Tourismus war also durchaus präsent – nur war das Bild ein anderes als auf den bekannten griechischen Ferieninseln. Viele Gäste kamen aus Griechenland selbst, internationale Urlauber waren deutlich weniger zahlreich.

Ende September neigte sich die Saison ihrem Ende zu. In den Resorts wurde es bereits ruhiger, doch Eretria selbst blieb lebendig. Rund 4.000 Menschen lebten hier. Geschäfte waren geöffnet, auf den Straßen war Bewegung, und am Abend ließ sich noch durch den Ort flanieren.

Erst an der gepflegten Uferpromenade trat der Ferienort deutlich hervor. Tavernen und Cafés reihten sich dort aneinander, viele Tische standen noch draußen.

Für unseren ersten Abend suchten wir uns bewusst ein einfaches Grillrestaurant in der Ortsmitte. Wir schauen auf unseren Reisen gerne, wo die Einheimischen essen, und auch diesmal führte uns dieser Blick in ein Lokal, in dem überwiegend Griechen saßen. Draußen standen die Tische auf der Straße, aus dem Restaurant kam Musik, und ringsum lief das abendliche Leben von Eretria.

Wir bestellten Souvlaki, Patates und griechischen Salat. Dazu kam Hauswein, den man aus einer Zehn-Liter-Kunststoffbox in die Karaffe füllte.

Es war ein schlichtes Abendessen. Aber genau so hatten wir uns unseren ersten Abend auf Euböa vorgestellt.

Wir saßen draußen, hörten die Musik und ließen den Tag langsam ausklingen.

Wir waren angekommen.

Eretria am Abend: Zwischen den Fischerbooten in der Bucht und den Bergen des Festlands beginnt unser erster Abend auf Euböa.

Warum wir wiederkommen

Zwischen unserer ersten Reise nach Euböa 2009 und der Rückkehr im Jahr 2025 lagen viele weitere Griechenlandreisen. Wir bereisten große Teile des Festlands, waren im Norden und Nordosten, im Pindos-Gebirge und am Olymp, am Pilion und in den Bergen um Karpenisi. Wir entdeckten Regionen, die vom internationalen Tourismus kaum berührt waren, kehrten immer wieder auf den Peloponnes zurück und besuchten auch unsere vertrauten Inseln.

Wir hatten inzwischen viele Gesichter Griechenlands kennengelernt.

Vielleicht konnten wir Euböa gerade deshalb bei unserer Rückkehr anders sehen.

2025 führte uns wieder auf die Insel, die uns sechzehn Jahre zuvor zum ersten Mal begegnet war. Und vieles von dem, was uns damals angezogen hatte, war noch immer da.

Euböa lässt sich schwer auf eine bestimmte Landschaft oder ein bestimmtes Urlaubserlebnis reduzieren. Die Küsten wechseln ihren Charakter, das Inselinnere reicht von fruchtbaren Ebenen über dicht bewaldete Berge bis zu kargen Höhenzügen. Dazwischen liegen Orte wie Karystos, Kymi, Loutra Edipsou, Amarynthos oder Eretria – geprägt vom Leben ihrer Bewohner und zugleich offen für Besucher.

Gerade diese Mischung gefällt uns.

Wir mögen es, uns auf Reisen möglichst unauffällig unter die Menschen zu mischen. Nicht als Zuschauer eines vermeintlich authentischen Griechenlands, sondern einfach als Besucher, die für eine Weile in den Alltag eines Ortes eintauchen. Auf Euböa gelingt das noch immer erstaunlich leicht.

Und dann sind da die Landschaften: die Berge, die sich hinter den Küsten erheben, die wechselnden Landschaftsbilder entlang der Straßen, die Buchten und Strände an der Ägäis. Selbst im Oktober gibt es Orte, an denen wir fast allein am Meer sind.

Wir mögen viele Regionen Griechenlands. Sehr viele sogar. Aber es gibt Orte, an denen der Tourismus so übermächtig geworden ist, dass er dem ursprünglichen Charakter kaum noch Raum lässt. Solche Orte suchen wir heute nicht mehr.

Euböa ist anders.

Vielleicht gerade deshalb, weil die Insel nie versucht hat, etwas Bestimmtes für ihre Besucher zu sein. Sie ist keine Bühne, auf der Griechenland aufgeführt wird. Sie ist eine Insel, auf der Menschen leben, arbeiten, einkaufen, feiern und ihren Alltag verbringen. Wir dürfen für eine Weile daran teilhaben – ohne dass dieser Alltag für uns inszeniert werden muss.

2009 konnten wir das noch nicht in Worte fassen.

Wir wussten nur, dass uns diese Insel gefiel.

Nach all den Griechenlandreisen, die folgten, wissen wir heute besser, warum.

Und dass wir 2026 wiederkommen, sagt vielleicht mehr über Euböa aus als alles, was wir darüber schreiben könnten.

Vielleicht begann unsere besondere Beziehung zu dieser Insel tatsächlich in jenen wenigen Sekunden auf der Brücke von Chalkida.

Damals sahen wir das Wasser, die Hügel und die Stadt vor uns. Wir wussten nicht, was uns erwartete. Wir wussten nur, dass wir nun auf Euböa waren und drei Wochen Zeit hatten, diese unbekannte Insel kennenzulernen.

Heute wissen wir, dass manche Orte nicht deshalb bleiben, weil sie einen mit einem einzigen großen Erlebnis überwältigen.

Manche bleiben, weil man sich dort wohlfühlt.

Weil man wiederkommen möchte.

Euböa empfängt nicht.
Sie lässt einen ankommen.

Die Schauplätze dieser Geschichte

Die ersten Stunden auf Euböa führten uns durch Orte, die wir später noch besser kennenlernen sollten.

→ Chalkida
→ Lelantische Ebene
→ Vasiliko
→ Eretria