Mantoudi und der Hafen Kymasi – Zwischen Flusslandschaften, Lost Places und der Ägäis
Wenn man sich dem Norden Euböas nähert, wirkt Mantoudi auf den ersten Blick wie ein ruhiger, typisch griechischer Landort. Doch wer genauer hinschaut – oder besser: ein wenig verweilt – merkt schnell, dass das Städtchen am Fluss Kireas ein kleines Zentrum der Region ist. Rund um die Platia reihen sich Geschäfte, Cafés und Tavernen, die Mantoudi zu einer Art Einkaufspunkt für die umliegenden Dörfer machen.
Ich habe Mantoudi als einen Ort erlebt, der nicht laut für sich wirbt, aber eine überraschende Tiefe hat. Das liegt nicht zuletzt an seiner Landschaft: Der Kireas, der direkt am Ort vorbeifließt und sich kurz hinter Mantoudi mit dem Nileas vereint, verleiht dem ganzen Gebiet eine frische, fast urwaldartige Atmosphäre. Gleichzeitig wird man heute daran erinnert, dass die Region schwere Zeiten hinter sich hat – an manchen Flussufern, Hängen und Waldrändern sind die Spuren der Waldbrände noch sichtbar. Verbrannte Baumstämme, lichte Stellen im Grün oder junge Triebe, die sich ihren Weg zurück ans Licht kämpfen, gehören inzwischen zum Landschaftsbild.
Das Kireas-Tal und die Bergbauseen
Südlich von Mantoudi öffnet sich eine Landschaft, die zu den überraschendsten Abschnitten Nord-Evias gehört: das Kireas-Tal. Der Fluss, flankiert von hohen Platanen, formte einst eine frische, fast urwaldartige Vegetation. Doch viele der großen Platanen – wie auch ein Großteil des einst dichten Platanenwaldes entlang der Ufer – sind in den vergangenen Jahren abgestorben. Ein tragischer Verlust, der das Landschaftsbild spürbar verändert hat.
Etwa vier Kilometer südlich von Mantoudi, dort wo die Straße Chalkida–Mantoudi an der Kirche Maria Himmelfahrt (Ιερός Ναός Κοιμήσεως Θεοτόκου) vorbeiführt, zweigt ein Schotterweg nach rechts ab. Ein kleines blaues Schild weist hier auf die Große Platane (Megalos Platanos) hin.
Der Weg führt durch das Flussbett des Kireas, da die alte Brücke vor einiger Zeit eingestürzt ist – bei hohem Wasserstand eine Herausforderung. Am besten parkt man daher an der Kirche oder der nahe gelegenen Taverne und setzt den Weg zu Fuß fort.
Bereits nach etwa 15 Minuten erreicht man den ersten der Bergbauseen, die sich nach der Stilllegung der Magnesitwerke in den tiefen Abbaugruben gebildet haben. Er liegt umgeben von dichtem Kiefernwald und leuchtet, je nach Sonnenstand, in intensiven Grüntönen. An windstillen Tagen – besonders morgens und abends, wenn das Licht flacher einfällt – spiegeln sich die steilen Felshänge eindrucksvoll im Wasser und verleihen dem See eine fast surreal wirkende Tiefe.
Die weiteren Seen befinden sich oberhalb, verteilt über die ehemaligen Abbauhalden. In dieser waldreichen Berglandschaft stürzen die Felswände steil in das klare Wasser ab, und das Gelände zeigt noch deutlich das typische Terrassenmuster des früheren Magnesitabbaus.
Die Kulisse ist beeindruckend:
Schilf, Oleander, Kiefern, Felswände, Stille und die verlassenen Industrieanlagen bilden ein natürliches, fast mystisches Ensemble. Es ist ein Ort, der Geschichte und Natur unverfälscht miteinander verbindet – ein „Lost Place“, der dennoch voller Leben wirkt
Der Hafen von Kymasi – Tor zu den Nördlichen Sporaden
Nur wenige Kilometer nordöstlich von Mantoudi liegt der Hafen Kymasi – heute eine der zentralen Fährverbindungen zwischen Evia und den Nördlichen Sporaden. Im Sommer laufen die Inseln Skiathos, Skopelos und Alonissos täglich an; außerhalb der Hochsaison werden sie mehrmals pro Woche bedient.
Die lange Betonmole, die weit in die Ägäis hinausragt, zeugt von den oft rauen Bedingungen an dieser Küste. Sie schützt den Hafen und die anlegenden Fähren zuverlässig vor den hohen Wellen, die hier nicht selten auftreten.
In der geschützten Bucht liegt zudem ein breiter Sandstrand. Er ist praktisch und lädt zu einer kurzen Abkühlung ein, bevor man weiterreist – für ausgedehnte Strandtage gibt es in der Umgebung jedoch attraktivere Alternativen, allen voran Krya Vrisi, einer der schönsten Strände der Region.
Krya Vrisi – Naturstrand und Mündung des Nileas
Nur wenige Minuten von Kymasi entfernt öffnet sich der Strand Krya Vrisi, einer der naturbelassenen Sandstrände der Region. Am südlichen Ende mündet der Nileas ins Meer – ein Übergang, der das Wasser mischt und die Landschaft verändert.
Der Strand wirkt etwas wilder, ursprünglicher und ruhiger als andere Küstenabschnitte. Ich mag ihn besonders wegen seiner Weite und seines ungeschminkten Charakters.
Kirinthos und das antike Kirinthos
Auf einem niedrigen Hügel jenseits der Mündung des Nileas, am Südende des Strandes von Krya Vrisi, liegen die spärlichen, bislang kaum freigelegten Reste des antiken Kirinthos.
Es sind nur wenige Mauerreste sichtbar, doch die Lage ist spektakulär: eine Felskante, die direkt über der offenen Ägäis hängt. Der Ort wirkt eher wie ein Blick in die Vergangenheit als wie eine klassische Ausgrabungsstätte – man spürt mehr Geschichte, als man tatsächlich sieht.
Mein Fazit
Mantoudi und seine Umgebung entfalten ihre Schönheit nicht auf den ersten Blick – aber auf den zweiten umso stärker. Zwischen uralten Platanen, stillen Magnesitseen, wilden Küstenabschnitten und einem Hafen, der die Insel mit der Ägäis verbindet, zeigt sich ein Evia, das authentisch, vielschichtig und voller kleiner Überraschungen ist.
Für mich bleibt Mantoudi ein Ort, der Wasser, Wald und Geschichte auf einzigartige Weise miteinander verbindet – und der gerade dadurch besonders lange in Erinnerung bleibt.